Besuch bei Opel

Spielen im Schatten des Werkes

Spielen im Schatten des Werkes

Es ist ein komisches Gefühl hier in der Dannenbaumstraße in Bochum-Laer. Hier ist vieles so wie sich Menschen das Ruhrgebiet vorstellen, die nicht von hier sind. Es sind jetzt gut drei Monate ins Land gegangen seit hier im Bochumer Opel-Werk die letzte reguläre Schicht zu Ende gegangen ist. Damals hat sich mein Freund Maik (wie ich finde sehr emotional) mit diesem Thema auseinander gesetzt. Sehr zu empfehlen und hier nachzulesen. Jetzt stehe ich heute vor einem leeren Sandkasten und zwei Wackeltieren, auf denen wohl schon länger kein Kind mehr gespielt hat. Drei Meter weiter ein Zaun, dahinter das Opel Werk 1. Es ist ruhig. Viel zu ruhig.

Jetzt sind die Bagger da

Sie kamen überaschenderweise über Nacht und es war auch Nacht,

Die Spuren bleiben

Abgebaut, aber nicht vergessen

als still und heimlich der Opel-Schriftzug an Tor 4 verschwunden ist. Ich las das in der Zeitung und wurde schmerzlich daran erinnert, dass ich nach der Schließung das Thema irgendwie verdrängt hatte. Ich will das ändern und fahre zum Tor 4. Den Weg kenne ich im Schlaf. Jahrelang habe ich hier Stimmen von Opelanern gesammelt. Wie ist die Stimmung? Wie geht es Ihnen? Wo sehen sie ihre Zukunft?

Opel-Zukunft? Nicht in Bochum

Inzwischen sind die Opelaner in Rente oder auf der Suche nach neuen Jobs. Zurück bleibt ein leeres Werk. Die einzigen LKW, die hier noch rein & raus fahren gehören Remondis & Co. Die Entsorgungsfirmen sind dabei das Innenleben der Werkshallen zu entsorgen. Es ist ein komisches Gefühl. Ich stehe an Tor 4, die Kamera halte ich in der Hand. Ein Mann stellt sich neben mich. „Da siehste nix, oder?“ Er heißt Manfred, war Schlosser und hat 30 Jahre hier gearbeitet. Wir unterhalten uns. Er erinnert sich, wie damals die Lackiererei gebaut wurde. „Da hat man damals vergessen Werkstätten für uns Schlosser einzubauen.“ Jetzt steht der Bagger davor.

„Machste nix dran – dat is so“

sagt er und steigt in seinen Corsa. Natürlich fährt er auch heute noch Opel. Das ist einfach so. Er ist nicht der einzige. In der halben Stunde, in der ich an Tor 4 Fotos mache, kommen immer wieder Menschen und schauen sich unsicher um.

Tor 4 mit Bauzaun

Tor 4

Einige machen Fotos, manche stehen einfach nur so da. Sie versuchen durch den Bauzaun einen Blick zu erhaschen. Ich steigere mich in einen wahren Rausch, drücke unablässig auf den Auslöser. Nach zwei Stunden werde ich mehr als 200 Fotos gemacht haben. Eine Auswahl gibt es hier zu sehen. Dann steige ich ins Auto.

Mein Ziel: Tor 1

Opel - zeitweise unter Denkmalschutz

Opel – zeitweise unter Denkmalschutz

Hier ist der Opel-Schriftzug noch auf dem Dach montiert. Doch das ist kein Zufall. Die Stadt hat das Gebäude für begrenzte Zeit unter Denkmalschutz gestellt. Sonst hätten die Noch-Hausherren aus Detroit auch hier bestimmt schon zugeschlagen und die einstigen Insignien des Strukturwandels entfernen lassen. Vielleicht bleibt das Verwaltungsgebäude ja stehen, ein DHL-Logistikzentrum soll zumindest ein paar Arbeitsplätze bringen. Man darf gespannt sein. „Mehr als 50 Jahre haben wir hier gute Autos gebaut“, sagte der Betriebsrat nach dem Ende der letzten Schicht im Dezember. Jetzt sind die meisten Büros leer. Auf den Parkplätzen stehen keine Autos sondern Baucontainer. Dort ziehen wohl bald die Abrissunternehmen ein. Direkt am Tor 1 steht ein Konzern-Auto der Marke Chevrolet mit Elektroantrieb. Solche Autos durften Sie hier nicht bauen. Aber auch der erfolgreiche Zafira konnte das Werk nicht retten.

An vielen Stellen ist die Zeit stehen geblieben.

Information der Geschäftsführung aus dem Jahr 2001

Information der Geschäftsführung aus dem Jahr 2001

Zum Ende meiner Runde komme ich an Tor 3 vorbei. Hier ist schon lange niemand mehr zur Arbeit gegangen. Das Pförtnerhaus ist völlig ausgeräumt, die Drehkreuze sind mit Flatterband abgesperrt. Im Schaukasten am Eingang hängt ein Infoschreiben der Geschäftsführung an die Mitarbeiter. Darin ein paar Zahlen: Die Produkte seien gut, die Markanteile auch – allerdings habe man Verlust gemacht. Trotzdem werde der Mutterkonzern mehr als 8 Millionen D-Mark in die Zukunft in Deutschland investieren. Danach ein kurzer Abschnitt, indem der Vorstandsvorsitzende seinen Abscheid verkündet.

Das Schreiben stammt aus dem Jahr 2001. Irgendwie auch bezeichnend.

Ich jedenfalls werde wiederkommen.

 Alternative: Pageflow

Wem der „normale“ Blogeintrag zu konventionell ist, der kann sich gerne das hier einmal ansehen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.